Wie setzt man Inklusion im Netz um? Wie steht es um die Digitale Barrierefreiheit in Deutschland? Und welche Ideen und Projekte existieren derzeit hierzu? In München traf sich ein bunter Mix aus Teilgebenden auf dem openTransfer Barcamp, um diese Fragen zu klären.

In diesem Beitrag möchten wir kurz berichten, welche Session wir auf dem Barcamp moderiert haben. Außerdem widmen wir uns in diesem Beitrag der grundsätzlichen Frage aus der Session von Cinderella Glücklich: Ist Barrierefreiheit (un-)möglich?

Unsere Session: Projektidee – Multimediale Steckbriefe zu Barrierefreiheit als OER (Open Educational Resources)

Das Thema Inklusion bzw. „Digitale Inklusion“ beschäftigt auch das Team vom Media Literacy Lab schon seit längerer Zeit, denn nur ohne digitale Barrieren können offene Lern-Angebote für alle verfügbar sein. Dieser offene Zugang ist eines der großen Ziele von Projekten im Media Literacy Lab (siehe auch Mission Statement).

Bei dem Thema Barrierefreiheit im Netz handelt es sich um ein komplexes Thema, welches schon seit mehreren Jahren von vielen Akteuren vorangetrieben wird und eng mit der technischen Umsetzung, aber auch der redaktionellen Ausgestaltung von Online-Angeboten verknüpft ist. Was macht beispielsweise eine barrierefreie Webseite aus? Worauf müssen wir achten und was ist besonders wichtig? Und wer profitiert überhaupt konkret von barrierefreien Webseiten? Um diese Fragen anzugehen, haben wir im Vorfeld der Veranstaltung eine Projektidee ausgearbeitet, welche wir in einer Session vorgestellt und diskutiert haben.

Um das Problem zu lösen, dass Barrierefreies Webdesign oft mit langen, trockenen und gesichtslosen Kriterienkatalogen verbunden ist (wie zum Beispiel die Web Content Accessibility Guidelines und die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung), hatten wir die Idee multimediale Steckbriefe, zu entwerfen. Die Steckbriefe basieren auf dem Konzept sogenannter Personas, die für Programmiererinnen und Programmierer fiktive Personen, die ihre Webseite nutzen, beschreiben, damit sie die potenziellen Nutzerinnen und Nutzer besser kennenlernen können. Somit wird ihnen klarer, für wen sie die Webseite entwickeln und welche speziellen Anforderungen seitens der Menschen, die sich im Internet bewegen, existieren. Für eine Persona gibt es eine Beschreibung mit Stärken, Interessen und Schwächen. So kann man auch in der Entwicklung einer Webseite mit den Persona argumentieren und sie werden greifbarer als theoretische, technische Standardlisten, in denen ebenfalls Anforderungen an die Webseite beschrieben sind.

Unsere Personas in den Steckbriefen haben ganz eigene Vorstellungen, was das Internet ihnen bieten muss und was die wichtigsten Punkte für ein barriereärmeres Internet sind. Mit den Steckbriefen sollen auch wesentliche Links zum Testen der Anwendungen und passende Videos eingebunden werden, um das Erleben der Webinhalte aus Sicht der vorgestellten Person nachvollziehbar zu machen und alternative Navigationen zu erfahren und erfassen. So können unsere Eingangsfragen beantwortet werden: Was macht eine barrierefreie Webseite aus, worauf müssen wir achten und was ist besonders wichtig? Und wer hat überhaupt etwas von barrierefreien Webseiten?

Mit unseren multimedialien Steckbriefen sollen Interessierte also besser verstehen und entdecken, wie sich das Internet für Menschen mit besonderen Anforderungen darstellt, welche technischen Hilfsmittel es gibt und wie diese funktionieren. Wir möchten schnelle, einfache Wege zu Testtools und Anwendungen aufzeigen, so dass nicht nur für Web-Entwicklerinnen und Entwickler, sondern auch Mitarbeitende, bspw. von freien Trägern oder Vereinen, durch einfache Erklärungen ihre Seiten besser verstehen und testen können. Ziel ist es, das Verständnis für die große Bedeutung von Barrierefreiheit im Internet zu erhöhen, erfahrbar zu machen und die Digitale Barrierefreiheit allgemein voran zu bringen.
Die Steckbriefe sollen unter einer offenen und freien Lizenz veröffentlicht werden im Sinne der Open Educational Resources.

Von den Teilgeberinnen und Teilgebern bekamen wir viele Tipps und konstruktive Kritik, wie wir unsere Idee umsetzen können. Das Fazit: Wir müssen unsere Zielgruppe klarer definieren, aber die „Personas als Einstiegsdroge“ für Programmier-Anfängerinnen und Anfänger aber auch allgemein interessierten Personen werden dringend gebraucht! Den Link zu unserer Sessiondokumentation findet ihr hier.

Wir möchten uns bei unseren Teilgeberinnen und Teilgebern sehr für das Feedback bedanken !

Session: Ist Barrierefreiheit (un-) möglich?

Besonders interessant fanden wir die Session von Cinderella Glücklich, in der grundsätzlich die Frage diskutiert wurde, ob Barrierefreiheit (un-)möglich sei. Hintergrund ihrer Session-Idee waren persönliche Erfahrungen auf einer Konferenz, bei der schon vieles bedacht wurde bei der Planung, aber eben trotzdem noch Barrieren vorhanden waren. Wie zum Beispiel ein nichtbeheizter Toilettenraum, welcher Menschen mit Spastiken vor enorme Probleme stellen kann.

Die ersten Kommentare waren dahingehend auch eher pessimistisch: „Barrierefreiheit ist unmöglich, Menschen haben viel zu viele unterschiedliche Bedürfnisse” Der Teilgeber beschreibt eine Person, für die zum Beispiel der Geruch von Deo oder Haarspray eine Barriere darstellt, um mit anderen Menschen in einem geschlossenen Raum zu sein. Für diese Person könne schließlich nicht die Deo Nutzung allgemein verboten werden. „Was für die Einen barrierefrei bedeutet, stellt für andere Menschen eine neue Barriere dar.” Beispielsweise sind die taktilen Bodenindikatoren, die die Sicherheit und Mobilität blinder und sehbehinderter Menschen im öffentlichen Raum verbessern, für Rollstühle ein Hindernis.

Sind das klare Argumente dafür, dass Barrierefreiheit unmöglich ist? Barrierefreiheit ist möglich – nur nicht sofort. Auch hierfür fanden wir Argumente. Ein Teilgeber fand, dass mit mehr Geld alles möglich sei. Eine weitere Sichtweise ist, dass hierfür einen Gesinnungswechsel in der Gesellschaft, in welcher Effizienz leider noch im Vordergrund zu stehen scheint, nötig wäre. Hierfür schlug das Publikum vor: „Lasst uns nicht mehr von Inklusion oder Ähnlichem reden. Wir machen einfach Sachen für ALLE!”

Das Thema Inklusion ist durchgängiges Prinzip und kann nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Ein Gesinnungswandel in den Köpfen der Menschen der gesamten Gesellschaft ist nötig, und das ist ein Prozess. Somit lautet unser persönliches Fazit dieser Session: Weiter machen, aufklären, Augen öffnen und immer bei sich selbst anfangen – dann ist Barrierefreiheit möglich!

Wir haben viel gelernt, durften an Erfahrungen teilhaben und haben tolle Kontakte geknüpft- danke an die Organisatorinnen und Organisatoren des openTransfer CAMPs!

Links

Im Vorfeld des OTC 16 wurde eine Blogparade zur Frage “Wie kommt Barrierefreiheit im Netz voran?” gestartet. Alle Beiträge zur Blogparade findet ihr hier.

Die offizielle Nachlese von OpenTransfer findet ihr hier.

 

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